Der Friedhof
Gecancelte Filme, beerdigte Serien, verlorene Visionen — die Marvel-Geschichte, die nie ins Kino kam. Jede Grabstelle mit dem, was von ihr übrig blieb.
Nach Spider-Man 3 sollte Raimi mit Maguire weitermachen: John Malkovich war als Vulture praktisch besetzt, Anne Hathaway als Felicia Hardy, Konzeptzeichnungen existieren. Raimi bekam das Drehbuch nicht rechtzeitig auf sein Qualitätsniveau — und stieg aus, statt einen Film abzuliefern, an den er nicht glaubte. Sony blies das Projekt zwei Monate vor Drehbeginn ab.
Wright (Shaun of the Dead) entwickelte Ant-Man ab 2006 — sein Testfootage von 2012 begeisterte die Comic-Con. Doch das fertige MCU von 2014 wollte Anbindung statt Autorenfilm: Marvel ließ sein Drehbuch umschreiben, Wright ging sechs Wochen vor Drehbeginn. Peyton Reed übernahm.
2014 kündigte Marvel Inhumans als Kinofilm für Phase 3 an — als Mutanten-Ersatz, solange Fox die X-Men hielt. Nach dem Machtkampf zwischen Kevin Feige und Ike Perlmutter verschwand der Film still aus dem Kalender. Die Reste wurden 2017 als billig produzierte TV-Serie verwertet — 11 % bei Rotten Tomatoes.
Nach Amazing Spider-Man 2 plante Sony ein eigenes Universum: Drew Goddard (Cabin in the Woods) sollte die Sinister Six als Antihelden-Film inszenieren, dazu ein Venom-Solo und ein Film über Spinnen-Frauen. Der Misserfolg von ASM2 und der Sony-Hack begruben alles — stattdessen kam der historische Marvel-Deal.
Gina Prince-Bythewood sollte das Duo aus Söldnerin und Meisterdiebin für Sonys Spider-Verse inszenieren. Nach mehreren Verschiebungen zerlegte Sony den Film in zwei (nie realisierte) Solo-Projekte. Prince-Bythewood drehte stattdessen The Old Guard und The Woman King.
Auf der Comic-Con 2022 als Krönung der Multiverse Saga angekündigt: Destin Daniel Cretton als Regisseur, Kang als Thanos-Nachfolger, der Council of Kangs bereits etabliert. Nach Jonathan Majors' Verurteilung trennte sich Marvel von ihm — und mit ihm vom kompletten Saga-Plan. Cretton wechselte zu Spider-Man: Brand New Day.
Tatum kämpfte ab 2014 für ein Gambit-Solo: Rupert Wyatt, Doug Liman und Gore Verbinski waren nacheinander dran, das Budget stand, Drehstarts wurden dreimal angekündigt. Dann kaufte Disney Fox — und beerdigte das Projekt endgültig. Tatum sprach später offen über seinen Frust.
Nach Deadpool 2 sollte Goddard X-Force mit Reynolds, Brolins Cable und Dominos Zazie Beetz inszenieren — der R-Rated-Gegenentwurf zu den braven X-Men. Die Fox-Übernahme fror alles ein; Marvel entschied sich für Deadpool solo im MCU.
Josh Boone plante eine Horror-Trilogie im X-Men-Universum — Teil 2 mit Antonio Banderas als Emmanuel da Costa, Teil 3 mit Warlock. Fox verlangte Nachdrehs für mehr Horror, die nie stattfanden; Disney erbte den Film und entsorgte ihn kommentarlos im Pandemie-Sommer 2020.
Nach Blade: Trinity (2004) war ein vierter Teil im Gespräch — doch der Dreh war von Konflikten zwischen Snipes und Regisseur David S. Goyer zerrüttet, inklusive späterer Klage. Snipes' Steuerprozess beendete dann jede Fortsetzungsfantasie.
Agent Carter wurde 2016 trotz Fan-Kampagnen nach zwei Staffeln abgesetzt — Staffel 3 war grob skizziert. 2018/19 strich Netflix binnen Monaten Daredevil, Luke Cage, Iron Fist, Jessica Jones und Punisher, als Disney+ am Horizont erschien: sechs Serien, ein Kahlschlag.
Venom trug 2018 unerwartet 856 Mio. ein — Sony baute darauf ein Universum ohne seine Hauptfigur: Morbius floppte doppelt, Madame Web wurde zur Meme-Katastrophe, Kraven kam als erster R-Rated-Film und ging als letzter Film überhaupt. Nach Venom 3 zog Sony den Stecker.
Fox hatte die Fortsetzung des 2015er-Reboots bereits für Juni 2017 datiert — dann kam der Film in die Kinos: 9 % bei Rotten Tomatoes, öffentlicher Streit zwischen Regisseur Josh Trank und dem Studio, Tranks berühmter gelöschter Tweet über die „fantastische Version“, die niemand je sehen würde.
Marvel Television plante bei Hulu ein düsteres „Adventure into Fear“-Universum: Eine Ghost-Rider-Serie mit Gabriel Luna wurde angekündigt und ohne Dreh wieder beerdigt, Helstrom (2020) blieb die einzige realisierte Serie — abgesetzt nach einer Staffel, als Feige die TV-Sparte übernahm.
Patty Jenkins verließ Thor 2 wegen kreativer Differenzen (sie wollte eine Space-Romeo-und-Julia-Geschichte), Ava DuVernay lehnte Black Panther ab, weil Marvel ihr zu wenig Kontrolle bot, Scott Derrickson ging vor Doctor Strange 2, weil sein Horror-Ansatz zu weit ging.
Bevor Marvel-Filme funktionierten, scheiterten Giganten: James Cameron schrieb in den 90ern ein Spider-Man-Treatment (mit organischen Web-Shootern und einem Electro/Sandman-Duo), das in Rechte-Prozessen unterging. Stan Lee pitchte Ghost Rider an John Carpenter, ein Black-Panther-Film mit Wesley Snipes steckte jahrelang fest.